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Der Turmfalke (Falco tinnunculus)

24. März 2024
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Sept.

Turmfalke sitzt auf einem Ast


Der Turmfalke – der Rüttler am Himmel

Fast jeder hat ihn schon einmal gesehen: einen kleinen Falken, der scheinbar bewegungslos über einer Wiese, einem Feld oder neben einer Autobahn in der Luft steht.

Der Turmfalke (Falco tinnunculus) gehört zu den bekanntesten Greifvögeln Mitteleuropas. Sein charakteristischer Rüttelflug, seine Anpassungsfähigkeit und seine Vorliebe für hohe Brutplätze haben ihn zu einem typischen Bewohner unserer Kulturlandschaften und Städte gemacht.

Kirchtürme, Burgruinen, Hochhäuser und alte Scheunen ersetzen heute vielerorts die Felsen, in denen seine Vorfahren brüteten.

Nicht umsonst wird er auch Mauerfalke, Domfalke, Kirchfalke oder Rüttelfalke genannt.


Steckbrief des Turmfalken

  • Wissenschaftlicher Name: Falco tinnunculus

  • Familie: Falkenartige (Falconidae)

  • Ordnung: Falkenartige (Falconiformes)

  • Körperlänge: etwa 32–35 cm

  • Flügelspannweite: ungefähr 71–80 cm

  • Gewicht: etwa 190–300 g

  • Weibchen: größer und schwerer als das Männchen

  • Nahrung: vor allem Mäuse und andere Kleinsäuger, daneben Insekten, Reptilien und Kleinvögel

  • Brutplatz: Gebäude, Felsnischen oder alte Nester anderer Vögel

  • Gelege: meist 4–6 Eier

  • Brutdauer: etwa 27–31 Tage

  • Nestlingszeit: ungefähr 27–30 Tage

  • Jahresbruten: normalerweise eine

  • Zugverhalten: in Mitteleuropa häufig Stand- oder Strichvogel, nördliche Populationen ziehen

  • Rote Liste Deutschland: ungefährdet


Turmfalke im Rüttelflug über Wiesen; Infografik mit Steckbrief zu Falco tinnunculus und Lebensweise.

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Männchen und Weibchen – ein Falke mit zwei Gesichtern

Beim Turmfalken lassen sich die Geschlechter vergleichsweise gut unterscheiden.

Das Männchen besitzt einen blaugrauen Kopf sowie einen ebenfalls grauen Schwanz mit auffälliger schwarzer Endbinde. Rücken und Flügeldecken sind warm rostbraun und dunkel gefleckt.

Das Weibchen ist insgesamt brauner gefärbt. Rücken, Kopf und Schwanz zeigen eine deutlichere dunkle Bänderung.

Weibchen sind außerdem durchschnittlich etwas schwerer als Männchen.


Der Rüttelflug – Stillstand in der Luft

Das Markenzeichen des Turmfalken ist sein Rüttelflug.

Dabei schlägt er schnell mit den Flügeln, fächert den Schwanz auf und hält seinen Kopf möglichst stabil über derselben Stelle.

Für den Beobachter sieht es aus, als würde der Falke in der Luft stehen.

Tatsächlich muss er Wind, Auftrieb und seine eigenen Flügelschläge ständig ausgleichen.

Von dort oben sucht er den Boden nach Beutetieren ab.

Entdeckt er eine geeignete Maus, beendet er den Rüttelflug und stößt zum Boden hinab.

Der Turmfalke kann alternativ auch von Pfosten, Leitungen, Bäumen oder anderen erhöhten Sitzwarten jagen.


Infografik zu Turmfalken mit Männchen, Weibchen und rüttelndem Vogel über Wiese; deutscher Text zu Merkmalen.



Sieht der Turmfalke wirklich Mäuseurin im UV-Licht?

Turmfalken sehen ultraviolette Urinspuren von Mäusen und folgen ihnen wie einer leuchtenden Straße.

Ganz so eindeutig ist die Sache allerdings nicht.

Ältere Untersuchungen deuteten darauf hin, dass Turmfalken UV-reflektierende Duftmarken von Wühlmäusen möglicherweise zur Auswahl geeigneter Jagdflächen nutzen können.

Spätere physiologische Untersuchungen kamen jedoch zu einem deutlich vorsichtigeren Ergebnis: Zwar können Greifvögel Licht im kurzwelligen Bereich wahrnehmen, doch Mäuseurin scheint unter natürlichen Bedingungen kein besonders zuverlässiges UV-Signal für jagende Greifvögel zu sein.


Infografik über Turmfalke und Mäuse im UV-Licht, mit fliegendem Falken, Mäusen und Texten zu Jagd und Sehen.

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Nahrung – Mäuse stehen ganz oben

Auf dem Land besteht die Nahrung des Turmfalken vor allem aus Kleinsäugern.

Dazu gehören insbesondere:

  • Feldmäuse

  • Wühlmäuse

  • Rötelmäuse

  • Spitzmäuse

Daneben erbeutet er Heuschrecken, Käfer, Eidechsen und andere kleine Tiere.

In Städten kann sich die Ernährung verändern. Dort werden häufiger Sperlinge und andere Kleinvögel erbeutet, weil offene Mäusejagdgebiete teilweise fehlen.



Der Falkenzahn

Wie andere echte Falken besitzt der Turmfalke eine besondere Ausbuchtung an der Schneidekante des Oberschnabels.

Sie wird als Falkenzahn bezeichnet.

Dabei handelt es sich nicht um einen echten Zahn.

Der Turmfalke hält seine Beute mit den Fängen fest und kann sie anschließend mit einem gezielten Biss im Bereich von Kopf und Hals töten.


Infografik zum Turmfalken: Falke frisst Maus auf Pfahl, mit Beute- und Lebensraumhinweisen im Feld-und-Stadt-Hintergrund.


Lebensraum – offene Landschaft mit Aussicht

Der Turmfalke braucht vor allem eines:

freie Sicht auf den Boden.

Geeignete Lebensräume sind deshalb:

  • Wiesen

  • Weiden

  • Feldlandschaften

  • Brachen

  • Straßen- und Bahnböschungen

  • Feldgehölze

  • Steinbrüche

  • Siedlungsränder

  • Parks und Städte

Zur Jagd bevorzugt er Flächen mit niedriger oder lückiger Vegetation.

Dichte Wälder und monotone, völlig strukturlose Agrarlandschaften sind dagegen deutlich weniger attraktiv.


Warum sitzt der Turmfalke so oft an Autobahnen?

Straßenränder besitzen häufig kurz gehaltene Grasflächen und Böschungen.

Dort leben Mäuse, gleichzeitig lässt sich der Boden aus der Luft oder von erhöhten Ansitzen gut beobachten.

Deshalb sieht man Turmfalken besonders häufig neben Autobahnen und Bundesstraßen rütteln.

Der Lebensraum ist allerdings gefährlich: Kollisionen mit Fahrzeugen können zum Problem werden.


Infografik zum Turmfalken über Landschaft und Autobahn, mit Text zu Jagd, Lebensraum und Risiko von Kollisionen mit Fahrzeugen.


Vom Felsen in den Kirchturm

Ursprünglich ist der Turmfalke ein Felsbrüter.

Er nutzt Felsspalten, Vorsprünge und Nischen.

In unserer Kulturlandschaft übernehmen Gebäude häufig dieselbe Funktion.

Besonders beliebt sind:

  • Kirchtürme

  • alte Burgen

  • hohe Wohn- und Industriegebäude

  • Scheunen

  • Brücken

  • spezielle Nistkästen

Auch alte Krähen- oder Elsternester werden genutzt.

Denn Turmfalken bauen kein eigenes klassisches Nest.


Greifvogel fliegt vor einer moosigen Steinruine mit Grasbüscheln unter blauem Himmel.
Ein Turmfalke fliegt aus einer alten, von der Natur zurückeroberten Burgruine im Sonnenschein.

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Fortpflanzung und Brut

Die Balz beginnt bereits vor der eigentlichen Brutzeit.

Jetzt lassen sich besonders häufig die schnellen „kikikiki“-Rufe hören.

Die Eiablage beginnt in Mitteleuropa meist im April.

Ein typisches Gelege besteht aus vier bis sechs Eiern. Die Brutdauer beträgt ungefähr 27 bis 31 Tage.

Während der Hauptbrutzeit sitzt überwiegend das Weibchen auf den Eiern.

Das Männchen versorgt seine Partnerin während dieser Phase mit Beute.


Die jungen Turmfalken

Nach dem Schlüpfen bleiben die Jungen ungefähr vier Wochen am Brutplatz.

Anfangs verteilt das Weibchen die vom Männchen gebrachte Nahrung an die Küken.

Mit zunehmendem Alter steigt der Nahrungsbedarf erheblich und beide Altvögel beteiligen sich immer stärker an der Versorgung.

Nach etwa 27 bis 30 Tagen werden die jungen Turmfalken flügge.

Selbstständig sind sie damit allerdings noch nicht.

Die Eltern füttern und führen die Jungvögel noch mehrere Wochen weiter. In dieser Zeit trainieren sie Flugtechnik, Jagd und den Umgang mit Beute.


Infografik zu Turmfalken an einer Nistbox: Weibchen füttert Küken, viele deutsche Textfelder vor Stadt- und Felskulisse.


Der typische Ruf

Der Name tinnunculus bedeutet sinngemäß „klingend“ oder „schellend“ und verweist auf die auffälligen Rufe des Falken.

Besonders bekannt ist eine schnelle Rufreihe:

„kikikikiki“

Sie ist häufig während der Balz, im Flug oder bei Aufregung am Brutplatz zu hören.



Standvogel oder Weltenbummler?

Beim Zugverhalten zeigt sich der Turmfalke ausgesprochen flexibel.

In Mitteleuropa bleiben viele Tiere das ganze Jahr über in derselben Region oder weichen im Winter nur über kürzere Entfernungen aus.

Nördliche Populationen sind dagegen stärker ausgeprägte Zugvögel und ziehen im Winter weiter nach Süden.

Deshalb gibt es beim Turmfalken Standvögel, Strichvögel und Zugvögel.


Infografik zur Turmfalke mit Bild, Ruf kikikiki und Zugverhalten; Felder im Hintergrund und viele erklärende Textkästen.

Bestand in Deutschland

Der Turmfalke gehört weiterhin zu den häufigsten Falken Deutschlands.

Aktuell etwa 42.000 bis 68.000 Brutpaare.

Bundesweit wird die Art auf der Roten Liste als ungefährdet eingestuft. Regional kann die Situation ungünstiger sein; Nordrhein-Westfalen führt den Turmfalken beispielsweise auf der Vorwarnliste.

Das bedeutet:

Der Turmfalke ist momentan keine seltene Art – seine Lebensräume verdienen trotzdem Schutz.


Gefahren für den Turmfalken

Vor allem Veränderungen unserer Kulturlandschaft können ihm Probleme bereiten.

Zu den wichtigsten Belastungen gehören:

  • Verlust von Brachen und extensivem Grünland

  • monotone Agrarflächen

  • Rückgang von Kleinsäugern und Großinsekten

  • Pestizide und andere Biozide

  • Verlust von Brutnischen bei Gebäudesanierungen

  • Straßenverkehr

  • illegale Greifvogelverfolgung

Gerade energetische Gebäudesanierungen können unbeabsichtigt traditionelle Brutplätze verschließen.

Gleichzeitig lässt sich dem Turmfalken mit geeigneten Nistkästen und offenen Einflugmöglichkeiten vergleichsweise einfach helfen.


Infografik zum Turmfalken in Deutschland: fliegender Falke über Landschaft, Kästen zu Bestand, Gefahren, Feinden und Schutz.

Natürliche Feinde

Auch Turmfalken stehen selbst auf dem Speiseplan anderer Tiere.

Zu den möglichen Feinden zählen insbesondere größere Greifvögel und Eulen. Eier und Jungvögel können außerdem durch Marder oder andere Nesträuber gefährdet werden.



Wie alt wird ein Turmfalke?

Die meisten Turmfalken (Falco tinnunculus) erreichen kein besonders hohes Alter. Vor allem das erste Lebensjahr ist mit hohen Risiken verbunden, denn unerfahrene Jungvögel müssen erst lernen, erfolgreich zu jagen und geeignete Lebensräume zu finden.

Einzelne Tiere können jedoch erstaunlich alt werden. BirdLife gibt für den Turmfalken ein dokumentiertes EURING-Höchstalter von 25 Jahren an.

Solche Altersrekorde sind allerdings selten. Die meisten wildlebenden Turmfalken erreichen dieses Alter nicht.


Turmfalke beobachten – Vagabundo-Tipp

Für die Beobachtung eines Turmfalken braucht es keinen abgelegenen Nationalpark. Gute Chancen bestehen in offenen und halboffenen Landschaften mit:

  • Wiesen und Feldern

  • niedriger Vegetation

  • Feldrändern und Brachen

  • einzelnen Bäumen

  • Strom- und Leitungsmasten

  • alten Gebäuden, Burgen oder Kirchtürmen

Besonders auffällig ist der typische Rüttelflug. Dabei bleibt der Turmfalke mit schnellen Flügelschlägen nahezu an einer Stelle in der Luft stehen und hält Ausschau nach Mäusen und anderer Beute.

Zwischen den Rüttelphasen folgen häufig kurze Gleitflüge. Besonders gut lässt sich dieses Verhalten über Wiesen, Feldrändern und extensiv genutzten Grünflächen beobachten.

Auch erhöhte Sitzwarten wie Bäume, Pfosten oder Masten nutzt der Turmfalke regelmäßig zur Jagd.

An bekannten Brutplätzen sollte dagegen ausreichend Abstand gehalten und jede unnötige Störung vermieden werden.


Infografik zum Turmfalken: fliegender Falke über Feld, Text zu Alter, 25 Jahre, und Beobachtungstipps in der Landschaft


Faszinierender Fakt: Der Kopf bleibt stabil

Beim Rüttelflug bewegt sich beinahe der gesamte Körper.

Flügel schlagen, Schwanz und Körper reagieren ständig auf den Wind – doch der Kopf bleibt erstaunlich ruhig.

Genau das ermöglicht dem Turmfalken, einen bestimmten Punkt am Boden kontinuierlich zu fixieren.

Der eigentliche Trick des Rüttelflugs besteht deshalb nicht nur darin, in der Luft zu stehen.

Er besteht darin, trotz permanenter Bewegung ruhig sehen zu können.


Turmfalke im Rüttelflug über Wiesen; Infografik mit Texten wie Der Kopf bleibt stabil, blauer Himmel und Feldlandschaft


Fazit – Meister des Stillstands

Der Turmfalke (Falco tinnunculus) braucht keine gigantische Spannweite oder Rekordgeschwindigkeit, um zu beeindrucken.

Seine Spezialität ist etwas völlig anderes:

Stillstand.

Mit schnellen Flügelschlägen hält er sich über Feldern scheinbar an einem Punkt fest, während sein Blick konzentriert den Boden absucht.

Er ist Felsbewohner und Stadtvogel, Mäusejäger und Luftakrobat zugleich.

Dass heute noch Zehntausende Turmfalkenpaare in Deutschland leben, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, wie abhängig die Art von offenen Jagdflächen, ausreichend Beute und sicheren Brutplätzen ist.

Wo Wiesen, Brachen, Feldränder und Nischen an Gebäuden verschwinden, verliert auch der Rüttler am Himmel seinen Platz.


Turmfalken Paar sitzt auf einem knorrigen Ast.
Turmfalken Paar









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