Das Reh (Capreolus capreolus)
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Das Reh (Capreolus capreolus) ist nicht das Weibchen des Hirsches. Reh und Rothirsch sind zwei verschiedene Arten innerhalb der Familie der Hirsche (Cervidae). Das Reh – auch Europäisches Reh genannt – ist deutlich kleiner als der Rothirsch und gehört zu den kleinsten heimischen Vertretern dieser Familie.

So lebt das Rehwild (Capreolus capreolus)
Das Reh (Capreolus capreolus) ist die kleinste und zugleich häufigste Hirschart Europas. Seine große Anpassungsfähigkeit ermöglicht ihm ein Leben in sehr unterschiedlichen Landschaften – von strukturreichen Wäldern und Waldrändern bis zu offenen Agrarflächen und siedlungsnahen Gebieten.
Lebensraum und Anpassungsfähigkeit
Ursprünglich ist das Reh besonders an Waldränder, Gebüsche und lichte Waldlandschaften angepasst. Dort liegen Deckung und nährstoffreiche Äsung dicht beieinander. Heute nutzt es jedoch wesentlich mehr Lebensräume.
Waldränder und lichte Wälder: Besonders günstig sind abwechslungsreiche Bereiche mit jungen Gehölzen, Lichtungen, Sträuchern und angrenzenden Wiesen.
Offene Agrarlandschaften: Sogenannte Feldrehe können dauerhaft in weitgehend offenen Feldfluren leben. Im Herbst und Winter schließen sie sich dort teilweise zu großen Gruppen zusammen, den sogenannten Sprüngen.
Siedlungsnahe Bereiche: Rehe können auch an Stadträndern, auf Grünflächen, Friedhöfen oder anderen ruhigen, deckungsreichen Flächen auftreten. Entscheidend sind Rückzugsmöglichkeiten und ausreichende Nahrung.
Wie groß ist das Streifgebiet eines Rehs?
Eine feste Größe gibt es nicht. In strukturreichen Landschaften können Rehe mit relativ kleinen Aktionsräumen auskommen, während sie in anderen Gebieten deutlich größere Flächen nutzen. Eine Studie in einer mediterranen Agrarlandschaft fand beispielsweise mittlere Streifgebiete von etwa 17 bis 24 Hektar, während Untersuchungen im Nationalpark Bayerischer Wald während der territorialen Phase durchschnittlich mehr als 300 Hektar ergaben.

Sozialverhalten und Jahresrhythmus
Das Sozialverhalten des Rehwildes verändert sich deutlich im Laufe des Jahres.
Herbst und Winter: Ab Herbst schließen sich Rehe zu sogenannten Sprüngen zusammen. Besonders in offenen Agrarlandschaften können diese Verbände aus zahlreichen Tieren bestehen. Sie bieten jedoch nicht einfach nur „Schutz“, sondern entstehen unter anderem durch die jahreszeitlich veränderte Raumnutzung und das gemeinsame Nutzen günstiger Nahrungsflächen.
Frühjahr: Mit Beginn der Vegetationsperiode lösen sich die Winterverbände zunehmend auf. Die Böcke beziehen ihre Territorien und verteidigen sie gegenüber männlichen Artgenossen.
Frühjahr und Sommer: Rehböcke markieren ihre Reviere unter anderem über Duftdrüsen an der Stirn und oberhalb der Hufe sowie durch Fegen und Scharren. Ricken leben besonders während der ersten Wochen nach der Geburt ihrer Kitze zurückgezogen und nutzen kleine, deckungsreiche Aktionsräume.
Fortpflanzung und Aufzucht
Die Fortpflanzung des Rehs besitzt eine Besonderheit, die bei europäischen Huftieren außergewöhnlich ist: die sogenannte Keimruhe.
Blattzeit: Die Brunft findet in Deutschland überwiegend von Mitte Juli bis Mitte August statt. Der Bock folgt einer paarungsbereiten Ricke teilweise über längere Zeit. Dabei können kreisförmig niedergetretene Spuren entstehen, die als „Hexenringe“ oder „Hexenkessel“ bezeichnet werden.
Keimruhe: Nach der Befruchtung entwickelt sich der Embryo zunächst kaum weiter. Erst etwa ab Dezember setzt die normale Embryonalentwicklung ein. Dadurch fallen die Geburten in die günstige Jahreszeit im Mai und Juni.
Nachwuchs: Ricken bringen meist ein oder zwei Kitze zur Welt; Zwillinge sind häufig, Drillinge kommen selten vor.
Perfekte Tarnung: Die hellen Flecken im Fell lassen die Kitze mit ihrer Umgebung verschmelzen. In den ersten Lebenstagen besitzen sie außerdem kaum Eigengeruch und bleiben bei Gefahr regungslos liegen.
Allein bedeutet nicht verlassen: Die Ricke hält sich bewusst vom liegenden Nachwuchs entfernt und kehrt regelmäßig zum Säugen zurück. Ein scheinbar verlassenes Kitz sollte deshalb nicht angefasst oder mitgenommen werden. Menschen und Hunde sollten sich rasch entfernen, damit die Ricke zurückkehren kann.

Nahrung und Äsungsverhalten
Rehe sind Wiederkäuer und sogenannte Konzentratselektierer. Sie wählen bevorzugt leicht verdauliche, nährstoffreiche Pflanzenteile aus.
Bevorzugte Nahrung: Kräuter, Blätter, Knospen, junge Triebe, Blüten und Früchte gehören zu den wichtigsten Nahrungsbestandteilen. Rehe fressen sogar Eibentriebe, obwohl die Eibe für viele andere Tiere stark giftig ist. Wiederkäuer vertragen die enthaltenen Taxine deutlich besser.
Aktivitätsrhythmus: Rehe sind besonders häufig in der Morgen- und Abenddämmerung aktiv, äsen aber über den gesamten Tag verteilt in mehreren Phasen. Die Deutsche Wildtier Stiftung beschreibt bis zu acht bis zwölf Äsungsphasen täglich.
Winter: In der kalten Jahreszeit nutzen sie unter anderem verbliebene Blätter, Knospen, Triebe und Brombeerblätter. Je nach Landschaft können auch landwirtschaftliche Kulturen genutzt werden.
Rehwild und Waldverjüngung
Der Verbiss junger Bäume gehört zu den wichtigsten Konfliktthemen zwischen Wildtiermanagement und Waldumbau. Besonders junge Laubbäume und Tannen können durch wiederholtes Abbeißen der Knospen und Triebe in ihrem Wachstum beeinträchtigt werden.
Wie stark dieser Einfluss ist, hängt jedoch nicht allein von der Zahl der Rehe ab. Auch Waldstruktur, verfügbare Äsung, Baumarten, Störungen und Bewirtschaftung spielen eine Rolle.

Gefahren und Schutz
Zu den natürlichen Feinden des Rehs gehören vor allem Wolf und Luchs. Füchse können insbesondere sehr junge Kitze erbeuten; auch Wildschweine kommen als Prädatoren infrage.
Eine große menschengemachte Gefahr besteht während der Wiesenmahd im Frühjahr. Junge Kitze drücken sich bei Gefahr häufig regungslos ins Gras und fliehen nicht vor Mähmaschinen. Deshalb werden heute zunehmend Drohnen mit Wärmebildkameras eingesetzt, um die Tiere vor der Mahd aufzuspüren und zu sichern.
Auch der Straßenverkehr fordert viele Opfer. Im Tierfund-Kataster des Deutschen Jagdverbandes machten Rehe zuletzt rund 53 % der registrierten Verkehrsopfer unter den erfassten Wildtieren aus.
Jagd und Wildtiermanagement
Rehwild unterliegt in Deutschland dem Jagdrecht. Die Bejagung dient je nach Region unter anderem der Nutzung des Wildbestands sowie dem Management von Wilddichte und Waldverjüngung. Statt pauschal von „nachhaltiger Bejagung“ zu sprechen, würde ich diese neutralere Formulierung verwenden.
Fazit
Das Reh (Capreolus capreolus) ist ein ausgesprochen anpassungsfähiges Wildtier. Sein Leben wird von jahreszeitlichen Veränderungen, flexibler Raumnutzung, wechselnden Sozialstrukturen und einer sehr selektiven Nahrungssuche geprägt.
Gerade seine Fähigkeit, sowohl Wälder als auch offene Agrarlandschaften und siedlungsnahe Gebiete zu nutzen, macht das Reh zu einer der erfolgreichsten Hirscharten Europas. Gleichzeitig führt seine hohe Anpassungsfähigkeit immer wieder zu Konflikten mit Forstwirtschaft, Landwirtschaft und Straßenverkehr.
Fun Fact: Im ursprünglichen Roman „Bambi“ von Felix Salten ist Bambi tatsächlich ein Reh. Für den Disney-Film von 1942 wurde die Figur jedoch an Nordamerika angepasst und als Weißwedelhirsch dargestellt.

Erscheinungsbild des Rehs (Capreolus capreolus)
Das Reh ist die kleinste und häufigste Hirschart Europas. Typisch sind sein schlanker Körperbau, die relativ langen Beine, der kurze Schwanz und das jahreszeitlich wechselnde Fell. Besonders auffällig ist der helle „Spiegel“ am Hinterteil.
Körperbau und Größe
Schulterhöhe: etwa 54–84 cm
Körperlänge: meist bis etwa 120 cm
Gewicht: häufig ungefähr 10–25 kg, im Durchschnitt rund 18 kg; regional und individuell sind Abweichungen möglich.
Körperform: Rehe besitzen relativ lange Beine und eine leicht nach vorn abfallende Rückenlinie. Dadurch liegt die Kruppe höher als der Widerrist. Dieser Körperbau erleichtert schnelle Sprünge und das Durchschlüpfen durch dichtes Unterholz.

Fell und jahreszeitlicher Farbwechsel
Sommerfell: braunrot bis rot oder fahlgelb, mit helleren Bereichen an Unterbauch und Beininnenseiten.
Winterfell: hell- bis dunkelgrau beziehungsweise graubraun. Die Winterhaare sind teilweise hohl und verbessern dadurch die Wärmedämmung.
Spiegel: Der helle Bereich rund um den After ist besonders im Winter gut sichtbar. Bei weiblichen Tieren bildet die sogenannte Schürze häufig eine kleeblattartige Form, beim Bock wirkt der Spiegel eher nierenförmig.
Schwarze Rehe: In Norddeutschland kommen selten melanistische, also sehr dunkel bis schwarz gefärbte Rehe vor.
Weiße Tiere: Sehr helle oder vollständig weiße Rehe sind selten. Nicht jedes weiße Reh ist jedoch automatisch ein echter Albino.

Kopf und Sinnesorgane
Der Kopf ist relativ schmal und läuft zur dunklen Nase hin spitz zu. Die großen, seitlich stehenden Augen ermöglichen ein weites Gesichtsfeld und helfen dabei, Bewegungen potenzieller Gefahren früh zu erkennen.
Rehe sind jedoch nicht farbenblind. Ihre Netzhaut besitzt zwei verschiedene Zapfentypen; dadurch verfügen sie über ein dichromatisches Farbsehen mit besonderer Empfindlichkeit im kurz- und mittelwelligen Bereich. Ihr Farbsehen unterscheidet sich also deutlich vom menschlichen Dreifarbensehen.
Die großen, beweglichen Ohren lassen sich unabhängig ausrichten und helfen dabei, Geräusche genau zu lokalisieren.
Besonders wichtig ist der Geruchssinn. Rehe besitzen einen sehr ausgeprägten Geruchssinn und können einen Menschen bei günstiger Windrichtung aus mehr als 300 Metern Entfernung wittern

Geweih – nur die Böcke tragen es
Beim Rehwild tragen normalerweise nur die männlichen Tiere ein Geweih. Bei älteren, gut entwickelten Böcken sind die Geweihstangen meist etwa 15 bis 20 Zentimeter hoch und besitzen häufig drei Enden pro Stange – ein solcher Bock wird in der Jägersprache als „Sechser“ bezeichnet. Die Zahl der Enden ist allerdings kein zuverlässiger Hinweis auf das Alter.
Jährlicher Wechsel: Erwachsene Böcke werfen ihr Geweih meist zwischen Oktober und Dezember ab.
Neues Wachstum: Kurz danach beginnt bereits das nächste Geweih unter einer gut durchbluteten Basthaut zu wachsen.
Fegen: Im Frühjahr stirbt der Bast nach Abschluss des Wachstums ab. Der Bock streift ihn durch Reiben an jungen Bäumen und Sträuchern ab.
Funktion: Das Geweih dient vor allem bei Revier- und Konkurrenzkämpfen zwischen Böcken. Gleichzeitig markieren Böcke ihr Territorium beim Fegen und über Duftdrüsen im Bereich der Geweihbasis.
Das bisherige Gewicht „bis 600 g“ würde ich streichen. Solche Werte können bei außergewöhnlichen Trophäengeweihen vorkommen, sind aber für das typische Rehgeweih wenig aussagekräftig.

Geschlechtsunterschiede
Rehbock: Das eindeutigste Merkmal erwachsener Böcke ist das Geweih. Außerhalb der Zeit des Geweihwachstums lässt sich das Geschlecht unter anderem anhand der Körperform und des Hinterteils bestimmen. Der Spiegel wirkt beim Bock meist eher nierenförmig.
Ricke: Weibliche Rehe tragen normalerweise kein Geweih. Auffällig ist die sogenannte Schürze, ein Büschel längerer heller Haare im Genitalbereich. Dadurch kann der Spiegel herz- beziehungsweise kleeblattförmig erscheinen.
Einen weißen Kinnfleck als sicheres Merkmal des Bocks würde ich nicht verwenden – die Färbung im Kopfbereich ist individuell und kein zuverlässiges Geschlechtsmerkmal.

Rehkitze
Neugeborene Rehkitze wiegen ungefähr ein Kilogramm. Ihr rotbraunes Fell ist zunächst mit zahlreichen hellen Flecken versehen, wodurch die Jungtiere zwischen Gras, Licht und Schatten hervorragend getarnt sind.
In den ersten Lebensmonaten verblasst diese typische Fleckenzeichnung nach und nach und macht dem einfarbigeren Jugendfell Platz. Wie schnell ein Kitz wächst, hängt stark von Ernährung, Geburtszeitpunkt und Lebensbedingungen ab – eine feste Angabe von 10 bis 12 Kilogramm im ersten Winter würde ich deshalb nicht verwenden.
Besonderheiten und Fun Facts
Bambi: Im ursprünglichen Roman von Felix Salten ist Bambi tatsächlich ein europäisches Reh. Erst Disney machte aus der Figur für den amerikanischen Film einen Weißwedelhirsch.
Jägersprache: Das Fell heißt „Decke“, die Ohren „Lauscher“, die Augen „Lichter“, die Nase „Windfang“ und der Mund „Äser“. Der helle Fleck am Hinterteil wird als „Spiegel“ bezeichnet.
Fluchtstrategie: Das Reh ist kein ausdauernder Läufer wie manche größeren Hirscharten. Bei Gefahr sucht es häufig mit wenigen schnellen, weiten Sprüngen Deckung im dichten Unterholz. Sein Körperbau mit höher liegender Kruppe ist genau an diese Fluchtweise angepasst.
Fazit
Das Reh (Capreolus capreolus) ist hervorragend an ein Leben zwischen Wald, Gebüsch und offener Kulturlandschaft angepasst. Sein schlanker Körperbau, das wechselnde Fell, die gute Tarnung der Kitze und das jährlich neu wachsende Geweih der Böcke gehören zu seinen charakteristischsten Merkmalen.

Fortpflanzung des Rehs (Capreolus capreolus)
Der Fortpflanzungszyklus des Rehs besitzt eine außergewöhnliche Besonderheit: die embryonale Diapause, meist als Keimruhe bezeichnet. Dadurch liegen Paarung und Geburt ungewöhnlich weit auseinander, obwohl die eigentliche intensive Embryonalentwicklung erst Monate nach der Befruchtung beginnt.
Brunftzeit – die Blattzeit
Die Paarungszeit des Rehwildes findet in Mitteleuropa überwiegend von Mitte Juli bis Mitte August statt. Die Hauptaktivität kann je nach Region, Witterung und individuellem Fortpflanzungsstatus etwas variieren. Eine allgemeine Regel „je heißer, desto stärker die Brunft“ würde ich nicht verwenden.
Rehböcke haben ihre Territorien bereits Wochen zuvor besetzt und markieren sie unter anderem durch das Reiben an Gehölzen und durch Duftstoffe aus Drüsen an Stirn und Läufen. Beim sogenannten Plätzen scharren sie zusätzlich den Boden frei.
Während der Brunft folgen Böcke paarungsbereiten Ricken teilweise über Stunden oder Tage. Dabei können auffällige kreisförmige Laufspuren entstehen, die als „Hexenringe“ bezeichnet werden.
Ricken sind jeweils nur wenige Tage empfängnisbereit. Sie geben während der Paarungszeit charakteristische Fieplaute von sich, während Böcke unter anderem raue, bellende oder keuchende Laute hören lassen können.
Befruchtung und Keimruhe
Nach der Paarung im Juli oder August beginnt beim Reh eine für Paarhufer außergewöhnliche Phase: die embryonale Diapause.
Die gesamte Tragzeit beträgt ungefähr neuneinhalb Monate. Während eines großen Teils dieser Zeit entwickelt sich der Embryo jedoch nur extrem langsam. Von August bis etwa Dezember bleibt die Blastozyste sehr klein; anschließend beschleunigt sich die Entwicklung deutlich und die Einnistung erfolgt.
Neuere Forschung zeigt, dass die oft verwendete Bezeichnung „Eiruhe“ etwas vereinfacht ist: Die Entwicklung steht nicht völlig still. Die embryonalen Zellen teilen und differenzieren sich weiterhin, allerdings in stark verlangsamtem Tempo.
Warum hat das Reh eine Keimruhe?
Durch diese zeitliche Verzögerung können sich Rehe bereits im Hochsommer paaren, während die Kitze erst im Mai oder Juni geboren werden. Damit fällt die energieintensive Phase von Geburt und Säugen in eine Jahreszeit mit reichlichem Pflanzenwachstum und günstigeren Bedingungen für den Nachwuchs.

Setzzeit und Aufzucht der Kitze
Rehkitze werden meist im Mai und Juni geboren. Eine Ricke setzt gewöhnlich ein bis zwei Kitze, Drillinge sind selten.
Tarnung: Das rotbraune Fell mit weißen Flecken schützt die Kitze in den ersten Lebenswochen.
Kaum Eigengeruch: Das erschwert Fressfeinden das Auffinden.
Getrenntes Ablegen: Zwillinge liegen oft einige Meter voneinander entfernt.
Mähgefahr: Junge Kitze bleiben bei Gefahr regungslos liegen und sind deshalb besonders durch Mähmaschinen gefährdet. Wärmebilddrohnen helfen bei der Kitzrettung.
Wichtig: Allein liegende Kitze sind meist nicht verlassen. Nicht anfassen, Abstand halten und Hunde fernhalten.
Geschlechterverhältnis
Das Geschlechterverhältnis ist nicht exakt 1:1. Eine große Untersuchung aus Baden-Württemberg zeigte bei der Geburt einen leichten Überschuss männlicher Kitze. Die Behauptungen, Füchse würden überwiegend männliche Kitze erbeuten oder starke Ricken gezielt mehr weibliche Kitze setzen, würde ich streichen.

Besonderheiten
Anpassungsfähig: Rehe nutzen neben Wäldern und Agrarlandschaften auch siedlungsnahe Grünflächen. Dass städtische Lebensräume generell den Fortpflanzungserfolg erhöhen, ist jedoch nicht belegt.
Alter: Rehe können in Ausnahmefällen über 15 Jahre alt werden, erreichen dieses Alter in freier Wildbahn aber nur selten.
Zusammenfassung
Die Fortpflanzung des Rehs ist besonders durch die Keimruhe geprägt: Nach der Paarung im Sommer entwickelt sich der Embryo zunächst nur sehr langsam, sodass die Kitze überwiegend im Mai und Juni geboren werden.
Brunftverhalten, Revierbildung und die versteckte Aufzucht der Kitze sind weitere wichtige Anpassungen. Gleichzeitig stellen Wiesenmahd, Straßenverkehr und Störungen besonders für Jungtiere erhebliche Gefahren dar.

Gehörnbildung des Rehbocks – ein Jahreszyklus
Das Geweih des Rehbocks, in der Jägersprache auch Gehörn genannt, wird jedes Jahr vollständig neu gebildet. Der Ablauf wird vor allem hormonell gesteuert.
Der Geweihzyklus
Abwurf: Erwachsene Böcke werfen ihr Geweih meist zwischen Oktober und Dezember ab. Ältere Tiere oft etwas früher als jüngere.
Neubildung: Kurz danach beginnt bereits das neue Geweih zu wachsen. Währenddessen ist es von einer gut durchbluteten Basthaut überzogen.
Fegen: Im Frühjahr stirbt der Bast ab. Der Bock reibt ihn an jungen Bäumen und Sträuchern ab. Dabei entstehen typische Fegestellen und gleichzeitig werden Duftmarken gesetzt.
Besonderheiten des Rehgehörns
Ein gut entwickelter Rehbock besitzt häufig ein Geweih von etwa 15 bis 20 Zentimetern Höhe mit drei Enden pro Stange – einen sogenannten Sechser.
Die Oberfläche kann unterschiedlich stark geperlt sein. Form und Stärke des Geweihs hängen unter anderem von Alter, Ernährung, Gesundheit, Hormonen und Veranlagung ab.

Einflussfaktoren auf die Gehörnbildung
Alter und Kondition: Junge Böcke tragen häufig zunächst einfache Spieße. Mit zunehmender körperlicher Entwicklung kann das Gehörn kräftiger und stärker verzweigt werden. Ein Sechser ist aber nicht automatisch mindestens drei Jahre alt.
Ernährung: Eine gute Versorgung mit Energie, Eiweiß und Mineralstoffen unterstützt Wachstum und Mineralisierung des Gehörns. Gerade während des winterlichen Geweihwachstums ist die Mineralversorgung wichtig.
Gesundheit und Verletzungen: Krankheiten, schlechte körperliche Verfassung oder Verletzungen während des Wachstums können zu schwächeren oder asymmetrischen Gehörnen führen.
Funktionen des Gehörns
Das Gehörn dient vor allem bei Revier- und Konkurrenzkämpfen zwischen Böcken. Beim Fegen an Bäumen werden außerdem Duftmarken hinterlassen. Größe und Stärke können gegenüber Rivalen als optisches Signal wirken.
Ungewöhnliche Gehörnformen
Kümmergehörne können bei schlechter Kondition, Krankheit oder Entwicklungsstörungen entstehen. Bleibt ein Gehörn ungewöhnlich lange im Bast, können hormonelle Störungen eine Rolle spielen.
Eine besondere Form ist das Perückengehörn: Dabei wächst stark wucherndes, nicht normal ausreifendes Geweihgewebe weiter. Ursache sind meist erhebliche hormonelle Störungen, beispielsweise nach einer Schädigung der Hoden.
Fun Fact: Hirschgeweihe gehören zu den am schnellsten wachsenden Knochenstrukturen im Tierreich. Beim Rehbock entsteht innerhalb weniger Monate jedes Jahr ein vollständig neues Gehörn.

Spuren und Laute des Rehs (Capreolus capreolus)
Trittsiegel und Fährten
Das Trittsiegel des Rehs ist schmal, länglich und vorne spitz zulaufend. Die beiden Hauptschalen liegen dicht nebeneinander und ergeben häufig eine herzähnliche Form.
Erwachsene Rehe hinterlassen meist etwa 4–5 cm lange Trittsiegel.
Abdrücke der Afterklauen erscheinen vor allem in sehr weichem Boden, tiefem Schnee oder bei schneller Flucht.
Auf regelmäßig genutzten Wildwechseln können sich deutliche Pfade zwischen Einständen und Äsungsflächen bilden.
Fegestellen und Plätzstellen
Besonders Rehböcke hinterlassen im Frühjahr auffällige Spuren. Beim Fegen reiben sie ihr Gehörn an jungen Bäumen und Sträuchern und verletzen dabei häufig die Rinde. Gleichzeitig dienen diese Stellen der Duftmarkierung des Reviers. Beim Plätzen schlagen Böcke mit den Vorderläufen den Boden frei und hinterlassen ebenfalls Duftstoffe.
Losung
Rehlosung besteht meist aus kleinen dunkelbraunen bis schwarzen, ovalen oder leicht zugespitzten Kügelchen. Je nach Nahrung und Wassergehalt können sie einzeln liegen oder zu kleinen Klumpen verbunden sein.
Eine strikte Einteilung in „Sommerlosung“ und „Winterlosung“ anhand von Farbe und Form würde ich vermeiden – die Konsistenz hängt stark von der aktuellen Nahrung ab.

Laute und Kommunikation
Rehe sind keineswegs völlig stumm:
Fiepen: Hohe, leise Laute dienen unter anderem der Kommunikation zwischen Ricke und Kitz sowie während der Brunft.
Schrecken: Bei Unsicherheit oder Gefahr können Rehe ein kurzes, kräftiges bellendes Lauten von sich geben.
Brunft: Während der Paarungszeit fiept die Ricke, während der Bock beim Verfolgen unter anderem keuchende Laute hören lassen kann.
Weitere typische Spuren
Verbissspuren: Rehe besitzen im Oberkiefer keine Schneidezähne. Junge Triebe werden deshalb eher abgerupft oder gequetscht als sauber in einem 45-Grad-Winkel abgeschnitten.
Ruheplätze: Im Gras oder Laub können flache, ovale Liegestellen entstehen, an denen das Reh längere Zeit geruht hat.
Wildwechsel: Wiederholt genutzte Routen zwischen Deckung, Äsungsplätzen und Ruhebereichen können als schmale Pfade gut erkennbar sein.
Tipp: Besonders auf feuchtem Boden oder frischem Schnee lassen sich Rehfährten, Losung, Verbiss- und Fegespuren gut erkennen. So kann man die Anwesenheit der Tiere feststellen, ohne sie direkt beobachten zu müssen.

Steckbrief Reh
Wissenschaftlicher Name: Capreolus capreolus
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hirsche (Cervidae)
Unterfamilie: Trughirsche (Capreolinae)
Tribus: Capreolini
Gattung: Rehe (Capreolus)
Art: Reh (Capreolus capreolus)
Lebenserwartung: in Ausnahmefällen über 15 Jahre, meist deutlich weniger
Lebensraum: Wälder, Waldränder, Feldfluren, Wiesen und siedlungsnahe Landschaften
Lebensweise: im Frühjahr und Sommer eher einzeln bzw. in kleinen Familienverbänden, im Herbst und Winter häufig in Sprüngen
Gewicht: meist etwa 15–30 kg
Körperlänge: etwa 95–135 cm
Schulterhöhe: etwa 55–85 cm
Nahrung: Kräuter, Blätter, Knospen, junge Triebe, Gräser, Früchte, Eicheln, Bucheckern und Pilze
Paarungszeit: überwiegend Mitte Juli bis Mitte August
Tragzeit: etwa 9½ Monate einschließlich der Keimruhe
Setzzeit: überwiegend Mai bis Juni
Nachwuchs: meist 1–2 Kitze, Zwillinge sind häufig




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