Der Kleiber (Sitta europaea)
Aktualisiert: 28. Sept.

Der Kleiber (Sitta europaea) ist ein kleiner, kräftig gebauter Singvogel und in weiten Teilen Europas und Asiens verbreitet. Besonders auffällig sind seine blaugraue Oberseite, der schwarze Augenstreif und seine außergewöhnliche Fähigkeit, Baumstämme mit dem Kopf voran hinabzuklettern.
Damit besitzt der Kleiber eine Fortbewegungsweise, die ihn unter unseren heimischen Vögeln nahezu unverwechselbar macht. Anders als Spechte stützt er sich beim Klettern nicht mit dem Schwanz ab, sondern hält sich ausschließlich mit seinen kräftigen Beinen, Zehen und Krallen an der Rinde fest.
Alte Laub- und Mischwälder gehören zu seinen bevorzugten Lebensräumen. Doch auch in Parks, Alleen, Obstgärten und größeren naturnahen Gärten lässt sich der geschickte Kletterer beobachten.
Aussehen und Merkmale des Kleibers
Mit seinem gedrungenen Körper, dem kräftigen Schnabel und der kontrastreichen Färbung ist der Kleiber relativ leicht zu erkennen.
Größe: etwa 12–15 Zentimeter
Flügelspannweite: ungefähr 22,5–27 Zentimeter
Gewicht: meist 20–25 Gramm
Oberseite: charakteristisch blaugrau
Unterseite: je nach Unterart weißlich, beige, ocker- oder rostfarben
Kopf: langer schwarzer Augenstreif mit hellen Wangen und heller Kehle
Schnabel: lang, spitz und kräftig
Körperbau: kompakt mit relativ großem Kopf und kurzem Schwanz
Zugverhalten: in Mitteleuropa überwiegend Standvogel
Sein Erscheinungsbild kann regional etwas variieren, denn innerhalb des großen Verbreitungsgebietes kommen mehrere Unterarten vor.
Männchen und Weibchen unterscheiden
Männchen und Weibchen sehen sich auf den ersten Blick sehr ähnlich. Beim Männchen sind besonders die hinteren Flanken meist kräftiger kastanien- bis rostbraun gefärbt, während sie beim Weibchen häufig heller wirken.
Deutlich auffälliger als die Geschlechtsunterschiede ist der schwarze Augenstreif, der sich vom Schnabel über das Auge bis in Richtung Nacken zieht.
Ein Schnabel wie ein kleines Werkzeug
Der kräftige Schnabel des Kleibers ist vielseitig einsetzbar. Mit ihm sucht der Vogel in Rindenspalten nach Insekten, Spinnen, Larven und anderen kleinen Wirbellosen.
Harte Samen und Nüsse klemmt er häufig in eine geeignete Ritze der Baumrinde. Anschließend bearbeitet er sie mit kräftigen Schnabelhieben, bis er an den energiereichen Inhalt gelangt.
Dieses Verhalten erinnert an eine Spechtschmiede. Trotzdem ist der Kleiber kein Specht, sondern gehört innerhalb der Sperlingsvögel zur Familie der Kleiber.
Früher wurde er gelegentlich auch „Spechtmeise“ genannt – mit Spechten oder Meisen ist er jedoch nicht näher verwandt.

Kopfüber am Baumstamm
Seine wohl bekannteste Fähigkeit ist das Klettern mit dem Kopf voran nach unten.
Der Kleiber kann Stämme und kräftige Äste in nahezu jede Richtung absuchen. Dadurch erreicht er Rindenbereiche, die von anderen Vögeln in dieser Weise kaum genutzt werden.
Anders als Spechte verwendet er seinen kurzen Schwanz dabei nicht als Stütze. Seine kräftigen Füße und langen Krallen sorgen für sicheren Halt an der Baumrinde.
Diese Beweglichkeit verschafft ihm einen Vorteil bei der Nahrungssuche, denn Insekten und andere Kleintiere verstecken sich häufig unter abstehenden Rindenstücken und in kleinen Spalten.
Stimme und Gesang
Wer den Kleiber nicht sieht, kann ihn häufig schon aus größerer Entfernung hören.
Vor allem die Männchen machen vom Winter bis ins Frühjahr mit ihren lauten, klaren Pfeifstrophen auf sich aufmerksam. Besonders typisch ist eine mehrfach wiederholte, weithin hörbare Folge, die häufig mit „wi-wi-wi“ umschrieben wird.
Daneben besitzt der Kleiber verschiedene kurze Kontakt-, Warn- und Trillerrufe.
Der Gesang dient vor allem der Revierabgrenzung und Kommunikation mit Artgenossen. Mit Beginn der eigentlichen Brutzeit werden die Vögel häufig deutlich ruhiger.

Nestbau des Kleibers
Bereits im März beginnen viele Kleiber mit der Vorbereitung ihrer Bruthöhle. Den größten Teil der eigentlichen Nestarbeit übernimmt das Weibchen.
Im Inneren entsteht kein weiches Nest aus Moos und Federn, wie es bei vielen anderen Singvögeln üblich ist.
Stattdessen besteht die Nestunterlage vor allem aus Rindenstückchen, Holzteilchen und trockenen Pflanzenteilen.
Der Kleiber ist deshalb stark auf alte Bäume und bereits vorhandene Höhlen angewiesen. Wo solche Strukturen fehlen, können geeignete Nistkästen zusätzliche Brutplätze schaffen.

Ernährung des Kleibers
Der Speiseplan verändert sich im Laufe des Jahres deutlich.
Im Frühjahr und Sommer dominieren tierische Nahrungsquellen. Insekten, Raupen, Käferlarven und Spinnen liefern viel Eiweiß und sind besonders während der Jungenaufzucht wichtig.
Im Herbst und Winter gewinnen pflanzliche Nahrungsquellen an Bedeutung. Dann frisst der Kleiber vor allem:
Bucheckern, Haselnüsse, Samen und andere energiereiche Pflanzennahrung.
Auch an Futterstellen ist er im Winter regelmäßig zu beobachten. Sonnenblumenkerne, Nüsse und Fettfutter werden häufig angenommen.
Vorräte für schlechte Zeiten
Kleiber können Nahrung verstecken.
Samen und Nüsse werden beispielsweise in Rindenritzen und kleinen Spalten deponiert und später wieder aufgesucht. Dadurch steht dem Vogel auch dann Nahrung zur Verfügung, wenn das unmittelbare Angebot geringer wird.
Wie viele Kleiber einen harten Winter überleben, kann unter anderem davon abhängen, wie reich das Angebot an Bucheckern und anderen Baumsamen im jeweiligen Jahr ist.

Lebensraum des Kleibers
Der Kleiber ist eng an Bäume gebunden. Besonders gute Bedingungen findet er in älteren Laub- und Mischwäldern mit Eichen, Buchen und anderen alten Bäumen.
Wichtig sind:
alte und höhlenreiche Bäume, grobe Rindenstrukturen, ausreichend Insekten sowie Samen und Nüsse als Winternahrung.
Dabei benötigt der Kleiber keinen riesigen geschlossenen Wald. Auch kleinere Altholzbestände können geeignete Lebensräume bieten.
Deshalb kommt er ebenfalls in Parks, Alleen, Friedhöfen, alten Obstgärten und größeren naturnahen Gärten vor.
Verbreitung: Von Europa bis Ostasien
Das Verbreitungsgebiet von Sitta europaea ist ausgesprochen groß.
Es reicht von weiten Teilen Europas über den Waldgürtel Asiens bis an die Pazifikküste. Vorkommen gibt es außerdem unter anderem in Marokko, Kleinasien, dem Kaukasus und Iran.
In Deutschland ist der Kleiber weit verbreitet und vielerorts ein typischer Brutvogel.
Seine Verbreitung hängt allerdings stark vom Baumbestand ab. In weitgehend baumlosen Landschaften oder auf baumarmen Inseln findet er kaum geeignete Lebensräume.

Der Kleiber in Literatur und Kultur
Seine auffällige Fortbewegungsweise hat den Kleiber auch zu einem Motiv in der Literatur gemacht.
Die indisch-deutsche Dichterin Sujata Bhatt widmete ihm das Gedicht Der Kleiber: Eurasian Nuthatch (Sitta europaea).
Darin spielen die Beobachtung des kleinen Vogels, seine Farben, sein Gesang und vor allem das ungewöhnliche kopfüber gerichtete Klettern eine zentrale Rolle.
2023 wurde das Gedicht in der Reihe „Poem of the Week“ des britischen Guardian vorgestellt.
Der Kleiber zeigt damit, dass selbst ein vergleichsweise kleiner Waldvogel durch eine einzige außergewöhnliche Fähigkeit Aufmerksamkeit weit über die Ornithologie hinaus gewinnen kann.
Bestand und Schutz
Der Kleiber gehört derzeit nicht zu den bedrohten Brutvögeln Deutschlands. Auch auf europäischer Ebene wird Sitta europaea als nicht gefährdet eingestuft.
Für Deutschland werden ungefähr 600.000 bis 1,4 Millionen Brutpaare angegeben.
Trotz dieses großen Bestandes ist der Kleiber auf geeignete Lebensräume angewiesen. Besonders wichtig sind alte, höhlenreiche Laub- und Mischwälder.
Werden Altbäume entfernt und Wälder strukturell vereinfacht, verschwinden nicht nur Bruthöhlen, sondern auch Rindenspalten, Insektenlebensräume und wichtige Nahrungsquellen.
Der Erhalt alter Bäume und natürlicher Baumhöhlen hilft daher nicht nur dem Kleiber, sondern zahlreichen weiteren Höhlenbrütern.
Farbenfrohes Gefieder und markanter Gesang: Der Buchfink ist leicht in Gärten, Parks und Wäldern zu beobachten.

Fortpflanzung und Brutzeit
In Mitteleuropa beginnt die Eiablage überwiegend im April. In tieferen Lagen werden viele Gelege in der zweiten Aprilhälfte begonnen.
Das Weibchen legt meist sechs bis sieben Eier, wobei kleinere oder größere Gelege ebenfalls vorkommen können.
Die Eier werden überwiegend beziehungsweise ausschließlich vom Weibchen bebrütet. Während dieser Zeit versorgt das Männchen seine Partnerin mit Nahrung.
Nach ungefähr zwei Wochen schlüpfen die Jungvögel.
Beide Eltern beteiligen sich anschließend intensiv an der Versorgung des Nachwuchses. Besonders Raupen, Insekten und andere kleine Wirbellose liefern das für das Wachstum benötigte Eiweiß.

Vom Ei bis zum jungen Kleiber
Die Jungvögel bleiben knapp vier Wochen in der Bruthöhle.
Während dieser Zeit müssen die Eltern große Mengen Nahrung heranschaffen. Je nach Angebot können zahlreiche Fütterungsflüge innerhalb kurzer Zeit notwendig sein.
Ende Mai oder Anfang Juni verlassen viele junge Kleiber ihre Höhle.
Auch danach werden sie zunächst weiterhin von den Eltern begleitet und versorgt. Später lösen sie sich zunehmend vom Familienverband und suchen eigene Lebensräume.
Viele Jungvögel siedeln sich nur wenige Kilometer von ihrem Geburtsgebiet entfernt an.
Kleiber ziehen normalerweise eine Brut pro Jahr groß. Zweitbruten sind möglich, aber deutlich seltener.
Ein Revier für das ganze Jahr
Der Kleiber gehört zu den Vogelarten, die Territorialverhalten nicht nur während der eigentlichen Brutzeit zeigen.
Paare können ihr Gebiet über große Teile des Jahres verteidigen. Darin liegen Bruthöhlen, Nahrungsplätze und geeignete Verstecke für Nahrungsvorräte.
Wie deutlich Kleiber auf fremde Artgenossen reagieren, wird auch wissenschaftlich untersucht.
Eine 2025 veröffentlichte Studie testete die Reaktionen von Kleibern auf abgespielte Rufe eines vermeintlichen Eindringlings. Zusätzlich wurden statische und bewegliche Vogelmodelle eingesetzt.
Die Kleiber reagierten auf die simulierten Eindringlinge deutlich. Ein zusätzlicher stärkerer Effekt des beweglichen Robotermodells gegenüber der akustischen Wiedergabe allein ließ sich jedoch nicht nachweisen.

Bestand und Schutz
Der Kleiber gehört derzeit nicht zu den bedrohten Brutvögeln Deutschlands. Auch auf europäischer Ebene wird Sitta europaea als nicht gefährdet eingestuft.
Für Deutschland werden ungefähr 600.000 bis 1,4 Millionen Brutpaare angegeben.
Trotz dieses großen Bestandes ist der Kleiber auf geeignete Lebensräume angewiesen. Besonders wichtig sind alte, höhlenreiche Laub- und Mischwälder.
Werden Altbäume entfernt und Wälder strukturell vereinfacht, verschwinden nicht nur Bruthöhlen, sondern auch Rindenspalten, Insektenlebensräume und wichtige Nahrungsquellen.
Der Erhalt alter Bäume und natürlicher Baumhöhlen hilft daher nicht nur dem Kleiber, sondern zahlreichen weiteren Höhlenbrütern.
Kleiber im eigenen Garten unterstützen
Wer Kleiber im Garten fördern möchte, sollte möglichst alte Bäume erhalten und auf eine naturnahe Gestaltung setzen.
Heimische Gehölze bieten Insekten Nahrung und schaffen gleichzeitig Versteckmöglichkeiten. Totholz und strukturreiche Baumrinde erhöhen zusätzlich die Vielfalt kleiner Wirbelloser.
Fehlen natürliche Höhlen, können passende Nistkästen helfen.
Im Winter besuchen Kleiber außerdem gerne Futterstellen mit Sonnenblumenkernen und Nüssen. Wichtig sind dabei saubere Futterplätze, damit sich Krankheitserreger nicht unnötig verbreiten.
Wann kann man Kleiber am besten beobachten?
Da der Kleiber in Mitteleuropa überwiegend ganzjährig im Revier bleibt, lässt er sich zu fast jeder Jahreszeit beobachten.
Im Winter fällt er häufig an Futterstellen auf. Vom Spätwinter bis zum Frühjahr verraten seine lauten Pfeifrufe schon aus größerer Entfernung seine Anwesenheit.
Besonders gute Beobachtungsorte sind ältere Wälder, Parks und Alleen mit großen Laubbäumen.
Wer einen Kleiber entdeckt, sollte auf seine Bewegungen achten: Oft verschwindet er hinter einem Stamm und taucht wenige Sekunden später kopfüber auf der anderen Seite wieder auf.
Steckbrief: Kleiber
Name: Kleiber
Wissenschaftlicher Name: Sitta europaea
Englischer Name: Eurasian Nuthatch
Klasse: Vögel (Aves)
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Familie: Kleiber (Sittidae)
Körpergröße: etwa 12–15 cm
Flügelspannweite: ungefähr 22,5–27 cm
Gewicht: etwa 20–25 g
Höchstalter: einzelne wildlebende Tiere können mehr als neun Jahre erreichen
Aussehen: blaugrauer Rücken, helle bis rostfarbene Unterseite, schwarzer Augenstreif
Nahrung: Insekten, Spinnen, Raupen, Larven, Samen und Nüsse
Verbreitung: Europa sowie große Teile Asiens, außerdem Vorkommen in Nordwestafrika
Lebensraum: alte Laub- und Mischwälder, Parks, Alleen, Obstgärten und große Gärten
Zugverhalten: überwiegend Standvogel
Bestand Deutschland: etwa 600.000–1,4 Millionen Brutpaare
Gefährdung: derzeit nicht gefährdet
Eiablage: überwiegend April
Gelege: meist 6–7 Eier
Brutdauer: ungefähr zwei Wochen
Nestlingszeit: knapp vier Wochen
Bruten pro Jahr: normalerweise eine
Besonderheit: verkleinert den Eingang seiner Bruthöhle mit Lehm und kann Baumstämme kopfüber hinablaufen
Fazit: Ein außergewöhnlicher Kletterkünstler
Der Kleiber (Sitta europaea) gehört zu den charakteristischsten Bewohnern alter Wälder. Seine Fähigkeit, kopfüber Baumstämme hinabzulaufen, sein kräftiger Schnabel und das sorgfältige Vermauern seiner Bruthöhle machen ihn unverwechselbar.
Gleichzeitig zeigt seine Lebensweise, wie wichtig alte Bäume, natürliche Höhlen und strukturreiche Wälder für heimische Vögel sind.
Wer bei einem Waldspaziergang ein kräftiges Pfeifen hört und anschließend einen kleinen blaugrauen Vogel kopfüber am Stamm entdeckt, hat gute Chancen, einen der geschicktesten Kletterer unserer Vogelwelt vor sich zu
haben.




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